Traurede für meine liebe Lucia und meinen Brudi, Hannes
Vor langer Zeit, bei einer Feier auf der Praterinsel in München, wurde ich einmal gefragt, was Liebe bedeutet. Damals hatte ich irgendwie nicht so einfach eine Antwort parat – es lag vielleicht auch daran, dass die Frage auf französisch gestellt wurde, was ich damals noch nicht so gut konnte. Meine Antwort lag zwischen Vertrauen, Freundschaft und Leidenschaft – ich war aber eher überrumpelt.
Heute fühle ich mich mehr bereit zu antworten. Ihr beide habt dazu einen großen Beitrag geleistet. Ihr habt mir geholfen, Liebe besser zu verstehen. Meine kommenden Worte sind ein Tribut daran, was ihr euch aufgebaut habt und täglich weiter baut. Bevor wir zu meinem Annäherungs-Versuch an die Liebe kommen, will ich alle hier im Raum fragen – was bedeutet Liebe für euch? Hat vielleicht Lucia und Hannes eure Perspektive darauf beeinflusst? Ich möchte euch heute einladen, über die Feier hinweg diese Frage zu stellen. Und vielleicht wollt ihr später eure Antwort, kleine Anekdoten in einem kleinen Büchle mit den beiden teilen.
Aber jetzt zu meiner Antwort, bzw. meinem Annäherungsversuch. Als Wissenschaftlerin komme ich nicht drumherum, kurz mein Vorgehen zu erklären. Egal ob in Museen, Bücher, Podcasts, in Gesprächen – über das letzte Jahr hinweg, bin ich der Frage auf den Grund gegangen. Und letzten Endes war wohl die eigene Gefühls-Achterbahn die ausschlussreichste Lektion. Während mir über das Jahr hinweg, nicht immer groß nach Liebe war, merkte ich bald, dass über Liebe zu schreiben, Liebe selbst braucht. Hier wurden große Zweifel laut, ob ich die richtige Person bin, hier etwas beizutragen. Bis ich realisierte, dass genau mein außerhalb-dem-“klassischen”-Modell-lebendem Stadium, mich zu einer guten Liebes-Detektivin werden lässt. Denn so oft wird davon ausgegangen, dass Liebe für romantische Beziehungen reserviert ist, mit der Ehe als Endziel und alle die “noch” nicht diesen Zustand erreicht haben, werden eher als inkomplett bemitleidet. Doch Liebe ist so viel mehr – von der Liebe zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen, Mittieren, und Mitlebewesen, zu unserem Planeten. Die Weite und ihre Macht realisierend und kultivierend, erlaubte mir meine Inspiration mit eurer Geschichte zu verschmelzen. Und diese dachte ich bestens zu kennen: Doch bald stellte ich fest, dass Liebe ist, die andere Perspektive zu hören, sich einzufühlen und zu akzeptieren, dass man selbst nicht alles weiß. Wie ich euch beiden zu Wort kommen lassen kann, war mein erstes kleines Learning. So schickte ich euch Fragen und eure Antworten halfen mir, mich daran zu wagen, Worte zur und über Liebe zu finden, ohne sie zu sehr zu reduzieren oder zu vereinfachen. Deshalb habe ich auf Basis eurer Antworten vier Gesichter der Liebe herausgesucht. Lasst uns beginnen mit:
Liebe, die Verbindende
Egal ob es bei Lucia der Bolzplatz in Nesselried hinter dem Haus war, der faszinierend lockte oder für Hannes an allmöglichen Stränden kleine Fußfallteams zusammenzutrommeln, auf Reisen nach Südamerika oder Afrika – ihr beide wart schon immer auf der Suche nach dem Verbindenden, nach dem unsichtbaren Band, das uns zusammenhält. Und dann, so unverhofft nah, nur zwei Straßen voneinander entfernt, habt ihr die größte Verbindung gefunden. Im sicheren Nest mit doch plötzlich so viel Neuem und Abenteuerlichem sich eröffnend: Neue Musik, Perspektiven und Ausflüge. Ein magisches Zusammenspiel zwischen Gewohntem und Neugierde, ihr habt gefunden, was euch verbindet: egal ob in der Musik, der Geselligkeit, Geschichtspodcasts, dem Wandern, Entdecken und Hinterfragen, den kleinen Freuden im Leben und bereichernde Brettspiel- und Ballsportpartien oder dem einfachen Sein, dem Treibenlassen im Wasser. Dabei habt ihr der verbindenten Eigenschaft von Wasser vertraut und es seine wichtige Rolle spielen lassen, die es nun mal hat: egal ob in der Murg oder der Liebach hier direkt bei den Wasserfällen, am Futalefu in Patagonien, den Rhein entlang von Konstanz nach Mannheim über Strasbourg und Karlsruhe oder am Sambesi. Auch wichtige Entscheidungen wurden so mal im Fluss getroffen.
Auf Basis dieses Zaubertranks habt ihr es geschafft, eine neue Art von Verbindung zu schaffen, die wiederum andere verbindet. Ihr wurdet zu einem Team, sich gegenseitig stützend, navigierend, das füreinander da ist, wenn man mal nicht für sich selbst da sein kann. Ihr und eure Liebe lebt, wie wir uns selbst werden, indem wir in Verbindung treten. Ihr zeigt, wie Liebe heißt mit etwas oder jemanden so in Verbindung zu sein, dass jede Partei durch diese Verbindung selbst größer wird. Liebe heißt selbst sein durch die andere Person und dieser den Raum zu geben, durch sich selbst. Und dafür, dass dieses In-Verbindung-treten, auch eure Umwelt miteinschließt, gibt es so viele Beispiele, u.a. auch hier im Raum heute – mit Alfares, die ihr seit 2015 als bereichernde Familienmitglieder in eure Herzen eingeschlossen habt, aber auch viele andere Freundschaften und Verbindungen über den Globus verteilt. Ihr spiegelt das, indem ihr durch eure Liebe, bessere Menschen werden und eure Liebe nach außen trägt und durch sie besser im Zuhören, im Feedback, Empathie und Mitgefühl geben werdet. Generell im mehr zu geben als zu nehmen. Und im mutiger, weniger furchtlos zu sein. Doch diese Eigenschaft der Liebe verdient ein eigenes Gesicht:
Liebe, die Furchtlose
Ich habe den Moment noch genau vor Augen, du, Hannes und ich den Berg hochwandernd, mit einem viel zu schweren Rucksack mit Zelt und einem schweren Wüst-Brot, und müden Beinen, die uns von der anderen Seite des Lago Maggiores ins Verzasca Tal gebracht haben und dort zu tiefen Gespräche. Deine Sorge, dass die Ehe die Beziehung verändern könnte, dass eine Institutionalisierung die Liebe erdrücken könnte, dass alte, vielleicht verstaubte und überholte Rollenbilder gewinnen könnten. Hannes, du hast deine Ängste auf der Seite liegen lassen. Und Lucia, du hast die Ungewissheit angenommen, du hast akzeptiert, dass Hannes nicht direkt deinen Antrag an der Murg angenommen hat und mehr Zeit brauchte. Auch wenn Geduld nach Hannes nicht zu Lucias Stärken gehört – du hast auf ihn gewartet. Du hast ihm die Zeit gegeben, die er brauchte, für sich die Antwort zu finden. Und die fand er – mit seinem Rückantrag in Jamaica. Zwei Anträge spiegeln wunderbar die Konversation, den Austausch, der die Liebe so ausmacht.
Liebe kann nicht existieren, wo Angst herrscht. Ihr habt diese überwunden. Und deshalb sind wir heute hier zusammengekommen. Heute spiegelt euren Mut, eure Arbeit, an euch beiden. Ihr habt eure eigene Ängste überwunden. Ihr wagt den Schritt, euch für euch zu entscheiden und das vor einer großen Gruppe an ZeugenInnen, die mit euch diese Entscheidung feiern wollen. Ihr habt euch etwas in den Kopf gesetzt und wollt dies mit ganzem Herzen – das macht all der Unterschied.
Ihr zeigt, wie es ist, furchtlos zu sein, sich so zu zeigen, so zu sein, wie ihr im Innersten seid, euch zu öffnen, über den eigenen Schatten und das eigene Ego springend, Konflikte auszuhandeln und Situationen zu gestalten. Ihr lässt eure Liebe dynamisch bleiben und sich weiterentwickeln, sodass sie nicht erstickt. Das bringt mich zum nächsten Gesicht der Liebe:
Liebe, die sich Erneuernde
Ihr habt euch damals vor elf Jahren verliebt und ihr habt es wieder und wieder getan. Denn ihr seid nicht mehr die Lucia und der Hannes, die sich damals im Bus kennengelernt haben. Damals als es um Musikaustausch zum ersten Kuss kam und dann euren befreundeten Omas von eure Gschbusis erzählt habt, von gemeinsamen Baggerseeausflügen, Zeltnächten an Murg, Roadtrips nach München, Italien oder an den Atlantik bis Beziehungen über Distanz bis zum Teilen vom Alltag. Und dazwischen eure Sturm- und Drang Zeiten, die Suchen nach euch selbst und einkriechende Zweifel.
Durch all die Zeit habt ihr euch weiterentwickelt, aber zusammen. Mal waren dabei die Bänder, die euch hielten, enger, mal loser. Das gab und gibt euch den Raum, um zu wachsen und aus einer anfänglichen Verliebtheit eine tiefe Liebe gedeihen zu lassen. Dabei habt ihr beide euch nicht verloren, sondern euch selbst gefunden – immer wieder neu. So wie ihr es vermögt alten Möbel, Schallplatten, Kleider neue Liebe einzuhauchen, schafft ihr es eurer Liebe immer wieder neues Leben einzuhauen. Obwohl ihr euch verändert habt und täglich weiter verändert, verliebt ihr euch immer wieder ineinander. Und das, obwohl man die kleinen Macken der anderen Person kennt, dass Hannes mal gerne ein halbes Kilo Pasta isst, Morgenmuffel ohne Kaffee ist, dass er etwas ruckelig Auto fährt und ab und an etwas sehr verpeilt, aber auch sehr gesellig werden kann (was womöglich an der frühen Konditionierung durch ab und an einer halben, verschlungenen Schwarzwälder Torte von Oma Hanna mit nicht wenig Kirschwasser liegen könnte). Er muss dagegen gut im Verlieren sein, auch mal akzeptieren bei Siedler zugebaut zu werden oder auch eine andere Zeitkalkulation oder unterschiedliche Präferenzen im Einkaufsverhalten.
Aber diesen Herausforderungen weit überlegen sind eure Stärken, die ihr in euch hochhaltet. So ist es für Hannes, die Wärme, das Licht, die Zufriedenheit und Gelassenheit, die du Lucia, für Hannes bedeutest aber auch euren Respekt füreinander, die Geduld und sich Verzeihen zu können. Sich wertzuschätzen und in schwierigen Zeiten in Kontakt zu bleiben, Briefe zu schreiben und sich nicht aus den Augen zu verlieren. Für Lucia ist es Hannes’ Urvertrauen, Spontanität und Bodenständigkeit die Hannes ausmachen.
Wie es so heißt: “Liebe ist wie Brot, dass wenn man es essen will jeden Tag neu gebacken werden muss.” Eure Liebe zeigt, dass Liebe nicht vom Himmel fällt, aber aktiv gepflegt und gehegt wird, dass die Stärken die Mackel überdauern – denn Liebe lebt vom Tun, nicht vom Versprechen. Über das letzte Jahrzehnt durfte Ich Zeugin werden, wie ihr es geschafft habt, eure leichte Jugendliebe zu einer tiefen, mächtigen Liebe zu transformieren. Euch zu akzeptieren, wie ihr seid, zusammen zu wachsen, euch in Guten, wie in Schwierigen Zeiten zu stützen. Und das, vielleicht sogar die Definition von Zeit zusammen etwas verschiebend, sodass sogar mal der Wecker stehen geblieben ist. Und das bringt mich zum letzten Gesicht der Liebe, die uns auf höhere, vielleicht sogar magische Sphären lenkt:
Liebe, die Befreiende
So gerne ihr Geschichtspodcasts hört und in vergangene Welten reist – lasst uns kurz in der Geschichte zurückgehen, hier auf der Schwarzwaldhochstraße. Etwas mehr als 80J ist es her, dass hier eines von 8 Führerhauptquartieren war, in welchem u.a. das Leben von badischen und elsässischen JüdInnen entschieden wurde. Was hat das mit der Hochzeit und mit dem Fest heute zu tun? Wir alle sind Nachkommen einer Diktatur, in der Liebe durch Hass verdrängt wurde. Und ich finde ein Fest hier oben zu feiern wo vor nicht allzu langer Zeit Hass herrschte ein schönes Zeichen, Liebe zurückzubringen. Denn nur Liebe kann die Wunden der Vergangenheit heilen, nur Liebe vermag es, den Hass zu überkommen, den Teufelskreis aus Gewalt zu durchbrechen. Wir brauchen mehr Liebes-Aktivismus, das gerade in Zeiten von erschreckend verschwindender Biodiversität, um uns herum und in Zeiten, in denen diese Hitze hier gerade die kühlste der Zukunft sein wird. Hier stehen wir heute, die Liebe feiernd, die uns das zeigt, wie unmögliches möglich wird. Dazu möchte ich kurz auf Platon zu sprechen kommen. Vielleicht kennt ihr den Begriff der platonischen Liebe, der im Sprachgebrauch oft als etwas verwendet wird, das eher Freundschaft und eine körperliche Anziehung im Vordergrund stehen lässt. Das ist allerdings eine Fehlinterpretation. Platon sah Liebe als viel mehr. Er beschreibt diese als Leiter, beginnend mit der körperlichen Anziehung aber Schritt zu Schritt zu höheren Formen der Zuneigung führend mit dem Streben nach Wahrheit, Schönheit und Weisheit im Mittelpunkt – und Lebendigkeit. Diese Lebendigkeit fand ich auch bei Erich Fromm. Nach ihm bereichert Liebe die andere Person, verstärkt das Gefühl sich lebendig zu fühlen, indem man selbst lebendiger wird.
Eine geistige Verbindung, die nicht besitzen will, sondern inspiriert – und das beidseitig und sich dadurch wie eine Spirale anfeuert und abgeben vermag. Abgeben zu etwas Größerem, befreienden vom Irdischen, die Seele nährend. Das Radikale: Liebe als Streben nach dem Ewigen, Überdauernden.
Zu Ende meiner vier Gesichter der Liebe möchte ein Gedicht von Goethe teilen, über das ich in Stefan Zweig’s Sternstunden der Menschheit stolperte und das für mich sehr nah an eine Definition kommt:
Marienbader Elegie
In unseres Busens Reine wogt
Ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern,
Unbekannten,
Aus Dankbarkeit freiwillig
Hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig
Ungenannten;
Wir heißen’s fromm sein! Sol-
cher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn
Ich vor ihr stehe.
Wir finden in der geliebten Person, ein Stück, dass in uns selbst fehlt. Hannes, du beschreibst in Lucia deine Rettung von Zynismus, vor dem System und Dinge, die wir nicht oder nur langsam ändern können. Und hier eines deiner Lieblingszitat von Nietzsche mit “Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.” Lucia, du wurdest zu Hannes’ darum, zu seine Taucherbrille im Korallenriff. Er wurde für dich ein Anker, eine Stütze und Leuchtturm. Zusammen leuchtet ihr euch euren Weg, manövriert euch durch scheinbar unüberwindbare Bürokratie, und haltet euch Hoffnung an das Gute aufrecht. Ihr bereichert euch gegenseitig, verbindet eure Stärken, und werdet zusammen zu etwas Größerem.
In euch sehe ich so viel mehr, was Liebe ausmacht und wie wir sie alle selbst formen. Aber dennoch sollten wir nicht vergessen, in Paulo Coehlhos Worte, dass Liebe eine unbändige Kraft ist. Wenn man versucht sie zu kontrollieren, zerstört sie uns. Wenn wir versuchen, sie einzufangen, hält sie stattdessen uns gefangen. Wenn wir versuchen sie zu verstehen, lässt sie uns verloren und verwirrt zurück.
Deshalb auch wenn dies ein kleiner Versuch war, die Mystische in Worte zu fassen, am Ende ist sie, was wir daraus machen, wie wir die Magie in unser Leben hereinlassen, uns auf das Unbekannte, vielleicht Furchteinflößende einlassen und bereit sind, zu akzeptieren, dass jemand anderes, auch nicht perfektes, dazu führt, dass man zusammen dennoch zu etwas Größerem werden kann und dafür jeden Tag, wieder und wieder einzustehen und immer wieder und wieder ja zu sagen. Auch wenn die Liebe manchmal fern scheint, ist sie eigentlich immer da. Am besten bekommt man sie zu Lichte, wenn man selbst den Anfang macht und sie gibt, sie zeigt, sie teilt und ihr Raum gibt, den sie braucht. In Rumi’s Worten: Unsere Aufgabe ist es nicht, nach Liebe zu suchen, sondern eher die Barrieren zu finden, die wir gegen sie aufgebaut haben, die sie abschirmt. In diesem Sinne wünsche ich uns, dass dieses Fest ein Stück dazu beiträgt die Mauern einzureisen und uns lehrt, mehr zu lieben.
Ich bin unglaublich stolz, durch und mit euch kontinuierlich zu lernen und in euch zu sehen, was Liebe ist, was diese Entscheidung bedeutet. Voller Dankbarkeit euch beide in meinem Leben zu haben, wünsche euch von ganzem Herzen, dass ihr nie aufhören werdet, die Liebe weiter zu definieren, denn in Stein meißeln lässt sie sich nicht.
In Liebe, auf euch, eure Julia


Bücher auf dem Weg zu dieser Rede:
- Sein und Teilen. Eine Praxis schöpferischer Existenz – Andreas Weber
- Be not afraid of love: lessons on fear, intimacy and, connection – Mimi Zhu
- All about love – bell hooks
- Die Kunst zu Lieben – Erich Fromm
- Biology of Wonder. Aliveness, Feeling, and the Metamorphosis of Science – Andreas Weber
- The Mastery of Love: A Practical Guide to the Art of Relationship, A Toltec Wisdom Book – Don Miguel Ruiz
- Biology of Wonder. Aliveness, Feeling, and the Metamorphosis of Science – Andreas Weber
- Love in a F*cked-Up World – Dean Spade
- On Connection – Kae Tempest
- The Rumi description – Melody Moezzi
